Leo in Berlin: Eine Tasse Matcha Latte und die Frage nach dem Scheitern
Leo sitzt in einem kleinen Café in Berlin-Mitte. Nicht hip, nicht laut, kein Ort, auf den man auf Social Media aufmerksam werden würde. Aber einer von Philipps Lieblingsläden – Leos Cousin Philipp – er ist öfter in Berlin. Viel beruflich unterwegs und deshalb kennt er diese Stadt bereits einige Zeit länger als Leo.
Philipp sitzt ihm gegenüber auf einer tiefen Loungecouch. Er ist die Art von Mensch, die nicht sofort antwortet, sondern erst nachdenkt. Manchmal so lange, dass man kurz glaubt, er hätte die Frage überhört.
Obwohl er nur wenig älter ist als Leo, ist er sehr reflektiert – Er beobachtet Menschen genau und ist Meister darin, zwischen den Zeilen zu lesen.
Leo ist jetzt seit einigen Wochen in Berlin. Neues Umfeld, neue Menschen, neue Erwartungen.
Das Startup läuft gut – zumindest nach außen. Viel Energie, wenig Schlaf, hohes Tempo. Eine Dynamik, die ihn antreibt. Und gleichzeitig genau das, wovor ihn sein Vater Rudi gewarnt hat.
„Auch, wenn er es nicht zugibt. „Für meinen Papa war das alles ein Fehler“, sagt Leo und rührt gedankenverloren in seinem Kaffee.
Philipp lächelt kurz. Nicht spöttisch. Aber wissend. Weil er genau weiß, wie sein Onkel Rudi manchmal sein kann.
„Und?“, fragt er. „Fühlt es sich für dich wie ein Fehler an?“
Leo überlegt.
„Nein. Ehrlich gesagt nicht. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. In der Bank wäre ich todunglücklich gewesen.“
Zwei Perspektiven, ein Ereignis
Philipp steht seit Jahren auf Bühnen. Als Mentalist. Als jemand, der Menschen überrascht, herausfordert – und natürlich selbst auch manchmal scheitert. Öffentlich. Sichtbar.
Er kennt dieses Gefühl, bewertet zu werden. Und er kennt die andere Seite: die eigene innere Messlatte.
„Weißt du“, sagt er nach einer kurzen Pause, „das Spannende ist: Dein Papa nennt es einen Fehler. Du nennst es einen wichtigen Schritt für dich. Beides sagt mehr über euch aus als über deine Entscheidung nach Berlin zu gehen.“
Leo schaut ihn an.
„Was meinst du damit?“
„Ein Fehler“, sagt Philipp, „ist oft etwas, das andere bewerten. Ein Scheitern dagegen ist etwas sehr Eigenes. Das passiert nur in dir.“
Die Frage der Fragen: Was ist Scheitern eigentlich?
Philipp erzählt von einem Workshop mit Banker:innen in der Schweiz. Thema: Fehlerkultur und das unvermeidliche Scheitern.
“Top-Leute, viel Verantwortung, hohe Ansprüche. Und trotzdem – in diesen Unternehmen gibt es völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was Scheitern überhaupt bedeutet”, erzählt er.
„Für manche ist es Scheitern, wenn sie einen Auftrag verlieren. Für andere, wenn sie ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllen. Und wieder andere merken ihre eigenen Fehler nicht einmal, obwohl es von außen genau danach aussieht.“
Leo nickt.
Er denkt an seinen Vater. An Rudolf. An dessen klare Vorstellung davon, wie ein „richtiges Leben“ aussieht: Sicherheit. Planbarkeit. Kontrolle.
„Also gibt es kein objektives Scheitern?“, fragt Leo.
Philipp schüttelt den Kopf.
„Nein. Die Messlatte setzt dein Inneres. Und die entsteht aus allem, was du erlebt hast.“
Die unsichtbare Messlatte
Philipp spricht von Prägungen. Von Erziehung. Von Erfahrungen. Von Dingen, die man nie bewusst entschieden hat – die aber trotzdem im Unterbewusstsein wirken.
„Unsere Messlatte fürs Scheitern“, sagt er, „wird nicht rational festgelegt. Sie entsteht über Jahre. In der Kindheit. Durch Lob. Durch Kritik. Durch Angst, oder durch Erfolgserlebnisse.“
Leo denkt an die Schule.
An dieses Gefühl, etwas „falsch“ gemacht zu haben – obwohl es sich eigentlich richtig angefühlt hat.
„Und Fehler?“, fragt er.
„Fehler“, antwortet Philipp, „werden meist von außen definiert. Durch Regeln. Systeme. Erwartungen. In Familien. In Schulen, oder eben in Unternehmen.“
Fehler sind sichtbar – Scheitern nicht
Philipp lehnt sich zurück.
„Das Interessante ist: Ein Fehler wird oft erst dann zum Fehler, wenn er sichtbar wird.“
„Aber der Ursprung“, sagt er ruhig, „liegt fast immer viel früher.“
Leo hört aufmerksam zu. Er realisiert, dass ihn dieses Thema mehr beschäftigt, als er erwartet hätte.
„Das heißt“, sagt er langsam, „mein Papa sieht darin einen Fehler. Für mich – und für beispielsweise meinen Freundeskreis – ist es weder ein Fehler noch ein Scheitern – selbst wenn es hier nicht rund laufen sollte. Und trotzdem sind beide Sichtweisen gleichzeitig wahr.“
Philipp nickt.
„Genau das ist der Punkt.“
Warum Leo in Berlin nicht scheitert – sondern lernt
Das Gespräch geht weiter.
Leo erzählt von seinem Alltag. Vom Druck. Von der Verantwortung. Vom Wunsch, alles richtig zu machen.
Und von der Gefahr, sich dabei selbst zu verlieren.
Philipp hört zu, unterbricht nicht.
„Weißt du“, sagt er schließlich, „deine Stärke ist genau das: dein Engagement, dein Gespür für Menschen und dein Wille, etwas beizutragen.“
Leo lächelt.
„Und die Schattenseite?“
„Dass du dich aufopferst. Dass du glaubst, dein Wert entsteht nur durch Lob von außen.“
Dieser Satz hat gesessen und bringt Leo weiter zum Nachdenken.
„Aber“, ergänzt Philipp, „das ist kein Grund, etwas nicht zu tun. Es ist ein Grund, sich, seinen Stärken und deren Schattenseiten bewusster wahrzunehmen.“
Der Unterschied zwischen Vermeiden und Verstehen
Leo denkt an Rudi.
„Vielleicht“, sagt Leo leise, „hat mein Papa Angst vor dem Scheitern.“
Philipp sieht ihn an.
„Das passiert öfter, als man glaubt.“
Dann sagt er einen Satz, der Leo noch lange begleiten wird:
„Entwicklung beginnt nicht dort, wo wir Fehler vermeiden.
Sondern dort, wo wir verstehen, warum wir handeln, wie wir handeln.“
Ein offenes Ende
Als sie das Café verlassen, ist nichts gelöst.
Leo hat keine Gebrauchsanweisung dafür, wie man mit solchen Situationen umgeht.
Und Philipp keine endgültige Antwort auf die große Frage.
Trotzdem geht Leo anders hinaus, als er hineingekommen ist.
Nicht, weil er jetzt weiß, was “richtig” ist.
Sondern weil sich seine Perspektive verschoben hat.
Und manchmal ist das genau der erste Schritt.
Fortsetzung folgt:
Im nächsten Blog gehen wir tiefer hinein:
in Fehler, Scheitern, Messlatten – und warum eine funktionierende Fehlerkultur ohne Selbstwahrnehmung nicht möglich ist.
